Baobab_rgb
menue_bg
map17
Soli-Titel

SÜDWESTRUNDFUNK  SWR2 Meinung

 

Kann der Westen Afrika wirklich helfen?

 

Autor: Ursula Nusser

Redaktion: Jürgen Hoeren

Sendung: Samstag, 26. Januar 2007, 17.50 Uhr, SWR 2

 

Diese Kopie wird nur zur rein persönlichen Information überlassen. Jede Form der Vervielfältigung oder Verwertung bedarf der ausdrücklichen vorherigen Genehmigung des Urhebers.

 

So viel Afrika war nie! Der Bundespräsident und die Kanzlerin, Bono, Bob Geldof und Herbert Grönemeyer, Bill Gates, Madonna und die Kirchen – sie alle und viele andere mehr wollen dem notleidenden Kontinent helfen.

Afrika soll Anfang Juni auch im Zentrum des G8-Gipfels stehen, Heiligendamm, so heißt es unisono, soll endlich die Wende zum Besseren bringen.

Entwicklungsministerin Heidemarie Wiczorek-Zeul verspricht schon im Vorfeld  mehr Geld: „Wir werden uns noch einmal darauf verpflichten, die Mittel der G8-Staaten für Afrika bis 2010 zu verdoppeln und die Entschuldungsverpflichtung in Höhe von 55 Milliarden US-Dollar umzusetzen“.

Kanzlerin Merkel will allerdings ein anderes Signal aussenden: Nur mit privatem Kapital und guter Regierungsführung könne der Schwarze Kontinent nach vorne kommen.

Bürgerkrieg und Massenelend, zerfallene Staaten, Hunger und Seuchen – können Entwicklungshilfegelder von den reichen Industriestaaten den Kontinent retten? Zweifel sind angebracht. Die Industrieländer haben seit 1960, je nach Berechnung, zwischen 450 und 600 Milliarden Dollar nach Afrika geschickt. Heerscharen von Entwicklungshelfern haben Tausende von Projekten in den Armutsregionen auf den Weg gebracht, ohne dass sich die Lage spürbar verbessert hätte.

Im Gegenteil: Die Mehrzahl der Länder südlich der Sahara steht heute schlechter da als zum Ende der Kolonialzeit. Die Vorstellung, dass sich in den notleidenden Ländern automatisch Wohlstand ausbreitet, wenn ihnen die reichen Länder Geld überweisen oder die Schulden erlassen, hat sich längst als Irrtum erwiesen.

Während des letzten G-8 Gipfels vor zwei Jahren in Schottland stieß der ugandische Journalist Andrew Mwenda, ein früherer Mitarbeiter der Weltbank, einen ungewöhnlichen Hilfeschrei aus:

„Stellt alle finanzielle Hilfe ein. Sorgt dafür, dass alle Länder ihre Schulden auf Heller und Pfennig zahlen. Und ignoriert Afrika. Alle Hilfe verschleiert nur die Inkompetenz unserer Despoten. Mit eurer Hilfe wird Afrika nie aus dem Morast herauskommen“. Die afrikanischen Länder hätten eine Bettlermentalität entwickelt“, fügt Mwenda hinzu und fragt: „Haben Sie je einen Bettler gesehen, der durch milde Gaben reich geworden wäre?“

 Mit dieser Meinung steht der ugandische Journalist nicht allein:  Eine wachsende Zahl von afrikanischen Intellektuellen stellt die Hilfe von außen in Frage.

Auch der aus Ghana stammende Wirtschaftswissenschaftler George Ayittey, der  heute in Washington lehrt,  fordert ein Umdenken des Westens. Afrika zu helfen sei ehrenwert. Aber die Aktion „Mehr Hilfe“ sei derart von Rührseligkeit, Hyperkorrektheit und postkolonialen Schuldgefühlen geprägt, dass Pragmatismus, Vernunft und Effizienz auf der Strecke blieben. 

Der Kenianer James Shikwati kritisiert, dass Entwicklungshilfe die Kreativität und das Selbstvertrauen der Afrikaner zerstöre. Er sagt: „Statt sich auf ihre eigenen Möglichkeiten zur Schaffung von Wohlstand zu konzentrieren, verlassen sich die Afrikaner auf Spenden. Das Ergebnis der Hilfe für Afrika war das Entstehen einer politischen Klasse, die vor allem ihre Pfründe aus der Entwicklungshilfe zu sichern sucht und das Entstehen einer wirtschaftsorientierten Klasse verhindert, die marktfähige Produkte für Afrika und den Rest der Welt herstellt.“ 

Dass das Geld aus dem reichen Norden von Bürokraten und korrupten Eliten zweckentfremdet wird, dass es die Eigeninitiative lähmt, weil es eine Mentalität des Handaufhaltens erzeugt, müsste sich auch hierzulande längst herumgesprochen haben – Afrikakorrespondenten berichten seit Jahren über bizarre Entwicklungen.

Beispiel Straßenbau: Die meisten Straßen zwischen Sahara und Südafrika werden mit Hilfsgeldern bezahlt. Mit der Folge, dass kaum ein Land für ihre Erhaltung sorgt. Sind sie kaputt, wartet man einfach, bis sich ein Geberland findet, das die Schlaglöcher repariert oder neu asphaltiert. Armut zahlt sich aus – jedenfalls für Afrikas tonangebende Eliten.

Armes Afrika? Seine Millionäre sitzen auf rund 700 Milliarden Dollar. Weitere 400 Milliarden sind außerhalb des Kontinents geparkt.

In Angolazum Beispiel sind zwischen 1997 und 2002 rund 4,2 Milliarden Dollar an Öleinnahmen schlicht verschwunden, vermutlich in den Taschen der herrschenden politischen Klasse. Eine Summe, die durch Entwicklungshilfe wieder ausgeglichen wurde.

OderUganda:Das Landleistet sich 60 Ministerien und 114 Präsidentenberater – auf Kosten der Industrieländer, denn rund die Hälfte des Haushalts wird mit Hilfsgeldern bestritten.

Warum das immer so weiter geht? „Für euch ist Afrika ein wunderbarer Markt“, spottet der Ugander Andrew Mwenda. „Die Hilfsindustrie setzt im Jahr 60 Milliarden Dollar um. Zigtausende Europäer und Amerikaner werden davon bezahlt. Die sind alle daran interessiert, dass das extravagante und verrückte System bestehen bleibt.“

 Mwenda hat vorgeschlagen, die Entwicklungshilfe in den kommenden sieben Jahren auslaufen zu lassen. Die Chancen dafür stehen allerdings schlechter denn je, denn ein neuer Akteur hat die Bühne Afrikas betreten: das rohstoffhungrige China. Peking lockt Afrika – natürlich mit Geld: Die Chinesen vergeben reichlich Kredite und anders als die Europäer stellen sie keine Bedingungen. Kein Wunder, dass die afrikanischen Machthaber erfreut die Hände aufhalten. Und China investiert, baut Straßen, Schienenwege, Häfen, Kraftwerke und Staudämme – mit eigenem Personal. Man schätzt, dass 80 000 Chinesen in Afrika Aufbauhilfe leisten. Gleichzeitig kauft China ein Drittel des afrikanischen Öls sowie Tropenhölzer und Metalle.

Chinas großzügige Kredite, so warnt der deutsche Finanzminister, setze eine neue erdrückende Schuldenspirale in Gang. Dies stehe im Widerspruch zum Schuldenerlaß der etablierten Industrieländer.

 Kann der Westen Afrika wirklich helfen?

Jeder weiß, dass es ein wirksames Heilmittel gibt: Handelshemmnisse abbauen. Ein Schritt, zu dem sich die mächtigen Industriestaaten des Nordens bis heute nicht entschließen konnten – mit grotesken Folgen! Entwicklungsexperten haben ausgerechnet, dass eine Kuh in Irland hundert mal so hohe Subventionen aus Brüssel erhält wie ein Milchbauer aus Kenia an EU-Spenden. So zahlt der Westen zwar Geld für die Landwirtschaft in der Dritten Welt, verhindert aber gleichzeitig, dass sie sich entwickelt, indem er seine eigene hochsubventionierte Überproduktion dorthin exportiert.

 Doch es gibt auch Hoffnungszeichen in Afrika: Dort, wo integre Politiker das Schicksal ihrer Länder selbst in die Hand nehmen – zum Beispiel in Liberia, einem Land, das fast 15 Jahre lang in Chaos und Gewalt versunken war.

In Monrovia regiert seit Januar 2006 eine Frau. Die erste gewählte Staatschefin in der Geschichte Afrikas. Sie heißt Ellen Johnson-Sirleaf, ist 68 Jahre alt, Harvard-Absolventin, hat für die Vereinten Nationen und die Weltbank gearbeitet, und gilt als „Eiserne Lady“ Afrikas. Sie steht vor der schier unlösbaren Aufgabe, ein völlig zerstörtes Land wieder aufzubauen, ein Land, in dem 85 Prozent der Bewohner arbeitslos und ohne Ausbildung sind, mehrere tausend obdachlose Kindersoldaten in die Gesellschaft integriert werden müssen, Krankheiten wie Malaria, Hepatitis und Gelbfieber herrschen und die durchschnittliche Lebenserwartung bei 42 Jahren liegt.

Keine Frage, der Staat braucht Geld. Doch er hat auch Ressourcen. Holz, Diamanten und Eisenerz. Die Präsidentin tat einen klugen Schachzug, verhandelte hartnäckig mit dem Stahlkonzern Mittal, der in Liberia Eisenerz abbaut und hatte Erfolg. Es gelang ihr, den Vertrag, den ihr korrupter Vorgänger Charles Taylor geschlossen hatte, nachzuverhandeln und bessere Bedingungen für ihr Land zu erwirken. Dasselbe will sie jetzt mit dem Gummi-Konzern Firestone wiederholen. Firestone hat bereits auf Druck der Präsidentin begonnen, die miserablen Lebens- und Arbeitsbedingungen auf den Plantagen zu verbessern. Und noch einen  Erfolg kann die Präsidentin verbuchen: Die EU-Kommission hat das Diamanten-Embargo gegen Liberia Anfang Mai offiziell aufgehoben – mit der Begründung, dass die internationale Gemeinschaft nun sicher sei, dass mit liberianischen Diamanten keine Konflikte mehr finanziert würden.

Die Präsidentin macht auch ernst mit der Bekämpfung der Korruption. Die korrupten Chefs von Flug- und Seehafen verloren kürzlich ihre Jobs.

Schon nach gut 16 Monaten Amtszeit ist es ihr gelungen, das Ansehen Liberias zu verbessern. Sie hofft nun auf ausländische Investoren.

Ob die „eiserne Lady“ Afrikas Erfolg hat, weiß heute niemand zu sagen. Doch der Weg, den sie eingeschlagen hat, ist der einzige, der Erfolg verspricht.  

Start Über uns Akuelles Interessantes Presse/Radio SWR2: Meinung Mugambi Afrikaabend Links Beitritt Satzung Impressum